Brennpunkt Physiotherapie 6

Im letzten Teil 6 der ags-Serie geht es darum, wie wertvoll Behandlungstermine sind.

Das Problem mit den Terminausfällen: eine leere Therapiebank kostet Geld. Viel Geld. 

Die meisten Menschen wissen nicht, wie eine Physiotherapiepraxis eigentlich arbeitet.

Wir sind keine Laufkundschaft.  Wir sind eine Terminpraxis.

Für jeden Patienten werden individuelle Termine geplant. Oft über Wochen hinweg.

Dabei müssen Arbeitszeiten, Therapiedauer, Verordnungen und persönliche Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Das bedeutet: Jeder Termin wird bewusst reserviert.

Die Realität sieht jedoch anders aus.

In vielen Praxen müssen mittlerweile rund 20 Prozent aller Termine verschoben oder verändert werden. Der überwiegende Teil dieser Änderungen erfolgt auf Patientenseite.

Grundsätzlich ist das verständlich. Das Leben passiert. Kinder werden krank. Arbeitstermine verschieben sich. Es kommt immer etwas dazwischen. 

Das eigentliche Problem entsteht jedoch bei sehr kurzfristigen Absagen oder bei Nichterscheinen. Denn dann bleibt der Termin häufig leer. 

Der Patient auf der Warteliste hätte den Termin gerne genutzt. Aber die Absage kommt zu spät.

Damit verliert die Praxis Einnahmen. Der wartende Patient erhält keinen früheren Termin.

Und die Versorgung verschlechtert sich für alle Beteiligten.

Natürlich könnte man Ausfallgebühren konsequent berechnen. Rechtlich ist das häufig möglich. Praktisch ist es deutlich schwieriger.

Denn Physiotherapie lebt von Vertrauen. Von einer langfristigen therapeutischen Beziehung.

Von Zusammenarbeit. Wer ständig Rechnungen für Ausfalltermine verschickt, erzeugt Frust, Diskussionen und häufig auch negative Bewertungen.

Am Ende verlieren alle.

Die Praxis verliert Einnahmen. Der Therapeut verliert wertvolle Behandlungszeit. Der wartende Patient verliert einen möglichen Termin. Und das System verliert wertvolle Ressourcen.

Vielleicht sollten wir deshalb anfangen, Behandlungstermine genauso ernst zu nehmen wie einen reservierten Platz im Flugzeug oder einen Termin beim Handwerker.

Denn ein leerer Therapieplatz verursacht Kosten. Auch wenn niemand darauf sitzt.

Dabei handelt es sich nicht um ein Problem einzelner Praxen. Es betrifft nahezu alle Terminpraxen im Gesundheitswesen.

Jeder nicht wahrgenommene Termin blockiert wertvolle Behandlungskapazitäten, die anderen Patienten fehlen. Gleichzeitig entstehen Kosten, ohne dass eine Versorgung stattfindet.

Deshalb braucht es mehr Klarheit und Verbindlichkeit im Umgang mit Terminausfällen.

Nicht um Patienten zu bestrafen.

Sondern um knappe Ressourcen sinnvoll zu nutzen.

Wer einen Termin reserviert, reserviert nicht nur Zeit. Er reserviert Behandlungskapazität, Personal und Infrastruktur.

Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, langen Wartelisten und begrenzten Behandlungsmöglichkeiten kann es sich das Gesundheitssystem eigentlich nicht leisten, wertvolle Termine ungenutzt verfallen zu lassen.

Die Frage lautet deshalb nicht, ob dieses Problem existiert.

Die Frage lautet vielmehr, warum wir noch immer so tun, als wäre es keines.