Brennpunkt Physiotherapie 3

In Teil 3 der ags-Serie geht es heute um Bürokratie und Misstrauen.

Warum behandelt das System Heilmittelerbringer eigentlich wie potenzielle Betrüger?

Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

Ein Patient erhält ein Medikament im Wert von 500 Euro auf E-Rezept.

Er geht in die Apotheke, zahlt 10 Euro Zuzahlung und erhält sein Medikament.

Keine Unterschrift beim Empfang.
Keine Unterschrift bei jeder Einnahme.
Keine Dokumentation der Wirkung.
Keine täglichen Nachweise.

Das System geht davon aus, dass die Beteiligten ihre Arbeit korrekt machen.

Betrachten wir nun eine physiotherapeutische Versorgung im Wert von ebenfalls rund 500 Euro.

Der Patient erhält dafür ungefähr 17 Behandlungen Krankengymnastik, verteilt auf meist drei Verordnungen. Die gesetzliche Zuzahlung beträgt dabei nicht 10 Euro, sondern rund 80 Euro. Also etwa das Achtfache.

Damit diese Leistung überhaupt abgerechnet werden darf, beginnt die eigentliche Bürokratie.

Für diese 17 Behandlungen werden in der Regel benötigt:

  • 17 Patientenunterschriften
  • 17 Leistungsnachweise
  • 17 Dokumentationen
  • 17 Tagesangaben
  • 3 Abrechnungen
  • 3 Originalverordnungen per Post

Für dieselben 500 Euro Versorgungsleistung.

Und wehe, auf einer Verordnung fehlt die Unterschrift des Arztes oder ein formaler Eintrag.

Dann wird häufig nicht gefragt, wie der Fehler korrigiert werden kann. Stattdessen steht die Abrechnungsfähigkeit der gesamten Verordnung infrage.

Das Problem ist nicht Kontrolle. Kontrolle ist sinnvoll. Aber Kontrolle darf nicht größer werden als die Leistung, die kontrolliert wird.

Besonders absurd wird es bei der Digitalisierung.

Wir erhalten analoge Verordnungen.   Digitalisieren sie.  Drucken sie wieder aus. Versenden sie per Post.  
Und anschließend werden sie bei der Gesetzlichen Krankenkasse (GKV) erneut digitalisiert.

Digitalisierung bedeutet in der Physiotherapie immer:
Analoge Bürokratie plus digitale Bürokratie.

Patientenversorgung entsteht nicht durch Formulare.
Patientenversorgung entsteht durch Zeit am Patienten.

Am 08.06.2026 wurde ein großer Container zur datenschutzgerechten Vernichtung nach Bundesdatenschutzgesetz zum ags-Depot bestellt und vom Entsorgungsunternehmen abgeholt.

Lose Akten. Volle Ordner. Jahrzehnte an Papier. Tonnenschwerer Papierabfall. 

Beim Anblick dieses Containers kam mir ein Gedanke: Wie oft wurden diese Unterlagen eigentlich nach ihrer Erstellung noch einmal gelesen, kontrolliert oder sinnvoll genutzt?

Die ehrliche Antwort lautet:     Nie.

Über Jahrzehnte haben wir geschrieben und dokumentiert.

Wir haben gesammelt, abgeheftet, archiviert und aufbewahrt.

Am Ende wurden die Unterlagen datenschutzgerecht vernichtet.

Ohne dass ein großer Teil dieser Informationen jemals einen zusätzlichen Nutzen für die Patientenversorgung gebracht hätte.

Dabei geht es nicht darum, Dokumentation grundsätzlich infrage zu stellen. Dokumentation ist wichtig. Sie schafft Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Qualität. Doch wir sollten uns die Frage stellen, ob jede Dokumentation tatsächlich einen Mehrwert erzeugt.

Oder ob wir häufig dokumentieren, weil das System es verlangt und nicht weil die Information später noch gebraucht wird.

Viel zu oft sammeln wir Daten, Belege und Nachweise, ohne ein System zu haben, das diese Informationen sinnvoll nutzbar macht.

Daten allein erzeugen keinen Mehrwert. Ein voller Ordner verbessert keine Behandlung. Eine zusätzliche Unterschrift heilt keinen Patienten. Und ein Archiv voller Papier macht die Versorgung nicht besser.

Erst wenn Daten strukturiert ausgewertet, vernetzt und für die Versorgung nutzbar gemacht werden, entsteht ein tatsächlicher Nutzen.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, welche Dokumentation noch zusätzlich erforderlich ist. Und mehr darüber sprechen, welche Informationen wirklich relevant sind und wie wir diese sinnvoll nutzen können. Die Digitalisierung darf nicht das Ziel haben, analoge Bürokratie lediglich digital abzubilden. Sie muss das Ziel haben, Informationen verfügbar, auswertbar und nutzbar zu machen. Denn Daten, die niemand liest, niemand auswertet und niemand nutzt, sind keine Ressource. Sie sind lediglich Papier – oder digitale Aktenordner – mit höherem Speicherbedarf.

Vielleicht braucht unser Gesundheitssystem deshalb nicht mehr Dokumentation. Sondern endlich eine Diskussion darüber, welche Dokumentation tatsächlich einen Nutzen für Patienten, Leistungserbringer und Kostenträger erzeugt.

Und noch eine weitere Entwicklung bereitet mir Sorge:
Mit der zunehmenden Nutzung von Künstlicher Intelligenz wird es immer einfacher, in kürzester Zeit noch mehr Texte, Berichte und Dokumentationen zu erzeugen. Die Gefahr besteht darin, dass wir Quantität mit Qualität verwechseln. Mehr Wörter bedeuten nicht automatisch mehr Informationen. Mehr Seiten bedeuten nicht automatisch mehr Wissen. Mehr Dokumentation bedeutet nicht automatisch bessere Versorgung. Wenn wir nicht aufpassen, produzieren wir künftig immer mehr Text, ohne den eigentlichen Informationsgehalt zu erhöhen. Dann werden nicht nur die Archive größer, sondern auch die digitalen Datenberge.

Das Problem der Zukunft wird deshalb nicht der Mangel an Daten sein, sondern eine Überflutung mit Informationen, die niemand liest, niemand auswertet und niemand sinnvoll nutzt.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
Wie können wir noch mehr dokumentieren?

Sondern:
Wie können wir die wirklich relevanten Informationen erkennen, nutzbar machen und daraus bessere Entscheidungen für unsere Patienten ableiten?

Denn am Ende sollte nicht die Menge der Dokumentation über Qualität entscheiden.

Sondern ihr tatsächlicher Nutzen.

Alles andere füllt nur den nächsten Container.