Brennpunkt Physiotherapie 2

In Folge 2 der ags-Serie geht es um Ausbildung und Akademisierung.

Deutschland diskutiert seit 20 Jahren über die Zukunft der Physiotherapie. Europa hat sie längst entschieden.

Die Politik diskutiert seit Jahrzehnten über Ausbildung, Studium und Akademisierung.

Das Ergebnis ist beeindruckend: Es wird weiterhin diskutiert.

Während nahezu ganz Europa längst einen akademischen Standard für die Physiotherapie geschaffen hat, erklärt Deutschland regelmäßig, warum das angeblich zu theoretisch ist. Schließlich wollen wir keine Wissenschaftler, sondern Praktiker.

Genau hier beginnt das Missverständnis.

Akademisierung bedeutet nicht, aus Physiotherapeuten Theoretiker zu machen. Akademisierung bedeutet, wissenschaftliche Kompetenzen aufzubauen, um die immer komplexeren gesundheitlichen Problematiken unserer Patienten besser analysieren, bewerten und behandeln zu können.

Die Patienten von heute sind nicht mehr die Patienten von vor 30 Jahren. Multimorbidität, chronische Erkrankungen, komplexe Schmerzsyndrome, neurologische Krankheitsbilder und die Folgen des demografischen Wandels stellen höhere Anforderungen an die therapeutische Entscheidungsfindung.

Dafür braucht es Fachkräfte, die wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen, kritisch bewerten und in die tägliche Praxis übertragen können.

Wissenschaftliches Denken und praktisches Handeln sind keine Gegensätze. Sie gehören in einem modernen Gesundheitsberuf zusammen.

Gleichzeitig wird ein grundlegendes Problem ausgeblendet: Die Physiotherapie verfügt bis heute über kein klar definiertes und zukunftsfähiges Berufsbild. Stattdessen existieren unterschiedliche Zugangswege und historisch gewachsene Strukturen, die eine konsequente Weiterentwicklung erschweren.

Besonders bemerkenswert: Europa hat Deutschland bereits darauf hingewiesen, dass die aktuellen Überlegungen nur schwer mit den Bologna-Strukturen und einer europaweit vergleichbaren Qualifikation vereinbar sein werden.

Währenddessen ist man in der Fitness- und Sportbranche längst weiter. Dort entstehen kontinuierlich neue akademische Studiengänge und Berufsbilder. Wissenschaftliche Qualifikation wird nicht als Gegensatz zur Praxis verstanden, sondern als Voraussetzung für deren Weiterentwicklung.

Ausgerechnet bei einem staatlich geregelten Gesundheitsberuf wie der Physiotherapie wird die Akademisierung jedoch weiterhin diskutiert, angezweifelt und relativiert.

Dabei geht es längst nicht mehr um die Frage, ob Physiotherapeuten wissenschaftliche Kompetenzen benötigen.

Nur die Politik scheint noch auf der Suche nach der richtigen Fragestellung zu sein.

Man könnte fast meinen, das eigentliche Berufsbild der Gesundheitspolitik sei nicht das Gestalten, sondern das Überlegen. Und wenn die Verantwortlichen irgendwann nicht mehr im Amt sind? 

Dann kann der Nächste ja noch einmal überlegen.