Brennpunkt Physiotherapie 1

Zum Auftakt der sechsteiligen Serie: Fachkräftemangel und Vergütung

Bald werden die Kosten der Physiotherapie automatisch sinken. Es gibt dann einfach keine Physiotherapie mehr.

Klingt übertrieben?

Vielleicht. Aber schauen wir uns die Realität an.

Wir haben bereits heute einen der größten Fachkräftemängel im deutschen Gesundheitssystem. Und das sogar auf Basis von Zahlen, die das tatsächliche Ausmaß vermutlich deutlich unterschätzen.

Denn gezählt werden vor allem die offenen Stellen, die offiziell bei der Arbeitsagentur gemeldet sind. Viele Praxen melden ihre Stellen dort längst nicht mehr, weil über diesen Weg kaum geeignetes physiotherapeutisches Personal gefunden wird.

Der tatsächliche Fachkräftemangel dürfte deshalb erheblich größer sein als die offiziellen Statistiken vermuten lassen.

Gleichzeitig gibt es immer weniger Nachwuchs.

Und das überrascht eigentlich nicht.

In vielen Bereichen der Physiotherapie werden Gehälter gezahlt, von denen man heute kaum noch vernünftig leben kann.

Besonders deutlich wird das Problem beim Vergleich zwischen dem öffentlichen Dienst und dem ambulanten Bereich. In tarifgebundenen Einrichtungen werden teilweise Gehälter gezahlt, die bis zu 2.000 Euro pro Monat über dem liegen können, was viele ambulante Praxen ihren Mitarbeitern anbieten können.

Dabei liegt das Problem nicht zwingend bei den Praxisinhabern.

Der ambulante Bereich übernimmt einen Großteil der physiotherapeutischen Versorgung im Alltag. Genau dieser Bereich kann wirtschaftlich häufig nicht mit den Vergütungsstrukturen öffentlicher Arbeitgeber mithalten.

Das Ergebnis: Der Bereich, der die Versorgung sicherstellen soll, verliert seine Fachkräfte.

Und anschließend wundert man sich über lange Wartezeiten und fehlenden Nachwuchs.

Vielleicht sollte man sich nicht mehr fragen, warum sich immer weniger Menschen für die Physiotherapie entscheiden.

Die spannendere Frage lautet inzwischen: Warum entscheidet sich überhaupt noch jemand dafür?